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„Die Stunde ist immer zu kurz für uns“: Lesepate
Heinz Kreutzfeldt kümmert sich um sein Schulpatenkind
aus der fünften Klasse.
Foto Paesler
Angst
vor Büchern verloren
Regionalschule
Altenholz macht gute Erfahrungen mit Lesestunde und Paten
Von Heike Stüben
Der Elfjährige sitzt
mitten im Klassenraum und ist doch ganz weit weg. Hockt eingesperrt im
Tischlerschuppen von Lönneberga und sitzt mit
Michel seine Strafe ab. Versinken in ein Buch – das ist die Lesestunde.
Jeden Mittwoch findet sie in der Regionalschule Altenholz in den fünften
Klassen und ab August auch in den folgenden Klassen statt. Eine Reaktion
auf die PISA-Ergebnisse.
Den Deutschlehrkräften in
Altenholz war klar, dass Leseförderung eine Daueraufgabe von der ersten
Klasse an ist und nicht nach der Grundschule aufhören darf. Da kam es wie
gerufen, dass das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen
Schleswig-Holstein (IQSH) das Projekt „Niemanden zurücklassen – lesen macht
stark“ auflegte. Unter anderem acht Lehrer-wochenstunden
bringt die Teilnahme an dem Projekt der Regionalschule Altenholz ein. Damit
wurde 2008 erst einmal in allen fünften Klassen eine wöchentliche
Lesestunde eingeführt, in der jedes Kind lesen darf, was es möchte. Selbst
das war kein Selbstgänger.
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„Nicht
jedes Kind wusste, welche Bücher es mag, einfach weil sie kaum Bücher
kennen, die Eltern oft nicht lesen. Deshalb reichte die Aufforderung, das
Lieblingsbuch mit in die Lesestunde zu bringen, oft nicht aus“, erklärt
Deutschlehrer Christian Abelmann-Brockmann, der die Lesestunde organisiert.
Also wurden Bücherkisten angeschafft. Daraus kann sich jedes Kind ein Buch
auswählen. „Emil in Lönneberga lese ich schon zum
zweiten Mal. Ich bin auf Seite 321“, erzählt der Elfjährige stolz und einen
Augenblick später ist er schon wieder in Lönneberga,
während das Mädchen zur Rechten im Sachbuch über den Menschen liest und
sich der Junge zur Linken in „Wicki und die starken Männer“ vertieft. Wie er
die Lesestunde findet? „Es ist immer so schön ruhig hier. Und Lesen ist
ansteckend.“
Doch die Lesestunde, so
stellte sich schnell heraus, reichte nicht aus. Gerade für die
leseschwachen Kinder war eine individuelle Förderung notwendig. Die Schule
bat in einer Anzeige Bürger, diese Aufgabe ehrenamtlich als Lesepaten zu
übernehmen – und war über das Echo erstaunt. „Auf Anhieb meldeten sich 25
Männer und Frauen aus der Gemeinde“, sagt Schulleiter Thomas Haß, „zurzeit
kümmern sich zehn von ihnen um die leseschwächsten Schüler. Mehr schaffen
wir raummäßig im Moment nicht.“
Und so sitzt zum Beispiel
Heinz Kreutzfeldt mit seinem Schützling in einem Bibliotheksraum, und der
Elfjährige blättert eifrig im Lexikon. In dem Krimi, den die beiden gerade
lesen, ist nämlich von der Fibonnaci-Folge die
Rede, aber was ist das? Es braucht etwas Zeit, ehe Augen und Finger den
richtigen Eintrag gefunden haben: „Die Fibonnacizahlen
sind eine unendliche Zahlenfolge, wobei sich eine Zahl aus der Addition der
beiden vorhergehenden ergibt.“ Der
Junge überlegt – und hat die Lösung des Krimis. „Die Stunde ist uns immer
zu knapp. Wir reden ja auch viel über Persönliches“, sagt Kreutzfeldt, der sich aufgrund der PISA-Ergebnisse
für dieses Ehrenamt entschieden hat. Andere Paten haben erlebt, dass hinter
der Leseschwäche ein ganz anderes Problem steckt. Diese persönliche
Beziehung, das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen ist es, was die Kinder
diese Stunde als Privileg und nicht als Nachhilfe empfinden lässt. „Meine
Patin ist nur für mich da“, sagt ein Mädchen.
Lesepaten können zwar
nicht hexen. „Aber“, so sagt Lehrerin Andrea Rathey,
„die Kinder gehen offener mit Gedrucktem um. Sie sind nicht mehr auf der
Flucht vor Texten.“ Nicht nur Rathey hofft
deshalb, dass die Lesestunde dauerhaft gefördert wird.
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